Frage: „Sie beschreiben Ihren Vater als Playboy. Ein Frauenaufreißer vor dem Herrn. Als erfolgreicher Headhunter reiste er ständig um die Welt. Eventuell war er sogar CIA-Agent, wie Sie herausfanden…“
Antwort: „Mein Vater hatte VIP-Zutritt zu vielen Nachtclubs auf der Welt, schmiss Riesenpartys…Ich durfte manchmal im Kinderschlafanzug dabei sein, mein Bruder und ich kamen aus dem Stauen nicht heraus, so viele schöne Frauen.“ Ich staunte nicht schlecht bei der Lektüre dieses Interviews. Headhunter, Playboy, Weltreisen, VIP-Zutritt, Riesenpartys, viele schöne Frauen. Ich meine, ich bin auch Personalberater, aber die hier beschriebene Welt ist mir dann doch fremd. Ich reise nicht um die Welt, sondern nach Augsburg, Bonn oder Frankfurt. Ein VIP bin ich garantiert nicht, für Riesenpartys bin ich nicht bekannt. Und ein Agent bin ich ebenso wenig, nicht mal für den BND. Und von Kollegen ist mir solches auch nicht bekannt. Wenigstens eine schöne und kluge Frau habe ich. Aber so ein Text lenkt zum Thema Vorurteile. Headhunter und Immobilienmakler verdienen ihr vieles Geld durch nur einen Anruf, Investmentbanker brauchen schon mit 45 nicht mehr richtig arbeiten, Ärzte wohnen grundsätzlich in Villen, Rechtsanwälte stehen morgens vor Gericht und nachmittags auf dem Golfplatz, alle Bundesligafußballer sind Millionäre. Und alle Beamte schlafen oder dösen zumindest während der Arbeitszeit. Doch wenn man mit den Leuten persönlich spricht, dann sieht die Welt zuweilen anders aus. Rechtsanwälte kämpfen um Mandate, wie Steuerberater übrigens auch, durch KI und die zunehmende Automatisierung ist ein geringerer Bedarf an ihnen vorhanden. Ärzte haben ihre fixen Quartals-Budgets, mancher sucht deshalb nach Leistungsangeboten, die die Patienten privat tragen müssen. Viele Fußballer müssen nach ihrer Karriere den Einstieg in einen bürgerlichen Beruf suchen – ohne Ausbildung. Früher übernahmen sie gerne Lotto- und Zeitschriftenläden, doch auch deren goldene Zeiten sind vorbei. Und es gibt, wie wohl jeder erfahren hat, fleißige Beamte und weniger fleißige. Wie in Firmen auch. Gegenbeispiel: Lkw-Fahrer, früher eher gering geschätzt. Zu Zeiten der Wehrpflicht gab es sie im Überfluss, da die Bundeswehr sie ausbildete. Heute sind sie Mangelware, ihre Verdienstmöglichkeiten haben sich verbessert. Das gilt auch für andere Branchen. Das eingangs zitierte Interview stand jüngst in der „Süddeutschen“. Geführt wurde es mit dem französischen Schauspieler, Schriftsteller und Werbetexter Frédéric Beigbeder, 59. Sein Vater war in der Nachkriegszeit Headhunter. „Aus heutiger Sicht wirkt diese James-Bond-hafte Maskulinität vollkommen lächerlich…Du bist ein einsames Individuum, das alle anderen übertrumpfen will: Du musst unbedingt siegen. Das ist eine Sackgasse“, so Beigbeder. Berufe haben sich gewandelt, Verdienstmöglichkeiten verändert, die Digitalisierung hat sich breit gemacht, Anbieter im Ausland sind attraktiver geworden und vieles mehr. Doch wir hängen oft noch Klischees nach. Zeit für ein Überdenken.