»Ich bin kein Chamberlain, und ich sehe das nicht als Peace in our Time an«. Diesen klugen Satz sprach der dänische Außenminister Lars Løkke Rasmussen nach seinem Treffen mit der grönländischen Außenministerin sowie dem US-Außenminister und dem US-Vizepräsidenten letzte Woche. Aus der dänischen Delegation hieß es, es sei wichtig, dass der Minister seinen Pessimismus bewahre.
Klug war der Satz, weil Løkke voreiligen Jubel vermeiden wollte. Das Treffen war nicht so schlimm verlaufen wie vorab befürchtet. Man war sogar zu dem konstruktiven Beschluss gekommen, eine Arbeitsgruppe zur Lösung des Grönland-Streits einzusetzen. Aber der erfahrene Diplomat wusste auch, dass es einen weiterhin unberechenbaren Faktor gibt: den amerikanischen Präsidenten.
Mit seinem Satz spielte Løkke Rasmussen auf den britischen Premier Neville Chamberlain an. Der war bekanntlich 1938 überzeugt, mit der Unterzeichnung des „Münchner Abkommens“ einen Weltkrieg verhindert zu haben. Ein Irrtum.
Ich mag den Løkkeschen Pessimismus und praktiziere ihn im Berufsalltag. Dass ich an einen Kunden einen neuen Mitarbeiter vermittelt habe, glaube ich erst, wenn die Tinte unter dem Arbeitsvertrag trocken ist. Vielleicht sollte ich den Zeitpunkt noch verschieben: Wenn er oder sie am ersten Tag tatsächlich durch die Pforte seines neuen Arbeitgebers schreitet.
Das sieht sicherlich auch mein Kunde so. Beim Kandidaten kann es sein, dass er sich erst dann bei der neuen Firma wähnt, wenn er den Arbeitsvertrag zugeschickt bekommt und da z. B. wirklich das verhandelte Gehalt enthalten ist. Und nicht 20.000 € weniger.
Dieser Pessimismus ist nicht mit einer grundsätzlich negativen Einstellung zu allem und jedem zu verwechseln, mit permanenter Wehleidigkeit. Sondern er speist sich aus gemachten Erfahrungen. Ghosting zum Beispiel. Nachdem schon 80 % des Besetzungsprozesses gelaufen sind, der Kandidat aber plötzlich nicht mehr erreichbar ist. Oder ein interner Bewerber, der zu diesem Zeitpunkt urplötzlich dazwischengrätscht und genommen wird.
Oder die Kandidatin, die am Morgen ihres Erstgesprächs angeblich schwer gestürzt ist, sich von ihrer Tochter entschuldigen lässt und sich nie wieder meldet. Der Geschäftsführer, der sich fünf Vorschläge ansieht, um dann zu verkünden, dass er an der Stelle eigentlich keine Verstärkung braucht. Ach, solche Geschichten können HR-Verantwortliche, Kandidaten und Berater zuhauf erzählen.
Doch mit den Jahren entwickelt man ebenso ein Gespür dafür, bei welchem Auftrag der Pessimismus schon früher in Optimismus übergehen kann. Wenn man das Gefühl hat, dass sich Kunde und Kandidat ineinander verliebt haben. Im übertragenen Sinne natürlich.
Løkkes Pessimismus hat sich am Wochenende leider bestätigt. Nun hat er den Ton Trump gegenüber verschärft („Soll seine Träume aufgeben“) und den Schulterschluss mit europäischen Partnern und Dänemark zugewandten amerikanischen Politikern gesucht.
Und wenn ein Personalberater spürt, dass ein Besetzungsprozess zu kompliziert wird, sich Kunde und Kandidat partout nicht ineinander verlieben wollen, dann hilft nur eines: Schlussstrich und neue Suche.
