Während meiner Zeit in der Verlagsbranche waren die Freelancer die größte Berufsgruppe. Einige boten sich als Autoren an, viele andere baten auf der Buchmesse um kostenlose Besprechungsexemplare und hielten mir dabei eine Visitenkarte mit dem Aufdruck „Freelancer“ entgegen. Wie sollte ich den Gegenbeweis antreten?

Nun ist die Zahl der Freelancer sicherlich geschrumpft, bei den geringen Honoraren mittlerweile. Aber selbst wenn das nicht der Fall wäre: Eine Gruppe ist auf jeden Fall größer: die Ghoster. Sie bieten ihren Service weltweit an, sind ortsunabhängig und tauchen grundsätzlich überraschend auf.

Da schreibt man z. B. auf einer Datingplattform mit einer Person hin und her, findet sich gegenseitig interessant, spricht über ein Treffen, vielleicht am nächsten Wochenende. Und zack, plötzlich merkt man, dass man weggewischt wurde. Ghosting as a Service, vielen Dank auch, Du…

Da interviewt man einen Kandidaten für einen Kunden, tolles Gespräch, der Kandidat zeigt sich super interessiert, der Kunde nennt zwei, drei Terminvorschläge für ein erstes Kennenlernen. Doch der Kandidat antwortet nicht, tagelang. Und zack, plötzlich merkt man, dass man mitsamt des Kunden weggewischt wurde. Ghosting as a Service, vielen Dank auch, Sie…

Da bittet ein Unternehmen am Freitag um ein Angebot für die Personalsuche, vielleicht in zwei Varianten, eines für eine einzige Vakanz, eines für insgesamt drei Positionen. Und es wäre gut, wenn alles am Montagmorgen vorliegt. Versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen, Montag geht die Mail um 7.09 Uhr raus. Es wird Dienstag, es wird Mittwoch, es wird nächste Woche. Und zack, plötzlich merkt man, dass man mitsamt seinen Angeboten weggewischt wurde. Ghosting as a Service, vielen Dank auch, Sie…

Da meldet sich die beste Freundin oder der beste Freund nicht mehr. Naja, die/der ist bestimmt krank. Oder hat viel zu tun. Nach einer Weile schreibt man. Keine Reaktion. Ruft an. Sofort springt der AB an. Funkstille und Rätselraten. Und zack, plötzlich merkt man, dass 20 gemeinsame Jahre weggewischt wurden. Ghosting as a Service, vielen Dank auch, Du…

Doch vielleicht sollte man den Ghostern lieber dankbar sein. Sie wollen einem nur nicht wehtun. Sie wollen einem z. B. nicht sagen, dass sie Menschen mit Sommersprossen überhaupt nicht mögen, dass sie über die suchende Firma nur Schlechtes gehört haben, dass sie das Angebot völlig überteuert finden. Oder dass sie die Freundschaft eigentlich schon vor fünf Jahren beenden wollten.

Und weil sie so mitfühlend und sensibel sind, tauchen sie einfach ab, die Ghoster. Melden sich nicht mehr, reagieren auf nichts. Sie möchten uns schonen. Vielleicht sollten wir sie positiver sehen. Und froh darüber sein, dass sie immer mehr werden. Einfach klasse, dieses Ghosting as a Service.