Das war der Moment, in dem ich dachte: „So mein Herr, das war es mit unserem Bewerbungsgespräch.“

Was war passiert? Es geschah vor zwei Tagen, Landtagswahl in Baden-Württemberg. Wenige Minuten nach 18 Uhr. Der Moment, wenn alle ihren Wählern danken, mal abwarten wollen, was der lange Abend noch bringt. Und sich zum großen Gewinner erklären, egal wie das eigene Ergebnis ausgefallen ist. Es kommt eben nur auf den Vergleich an. Mit der Kommunalwahl 1963 oder mit der Bundestagswahl 1980 oder der Landtagswahl 2015.  

Zu diesem Zeitpunkt sah es nicht so aus, dass die CDU den neuen Ministerpräsidenten stellen würde, wie noch vor Wochen geglaubt. Die ZDF-Moderatorin Shakuntala Banerjee befragte deshalb den CDU-Fraktionsvorsitzenden im Bundestag Jens Spahn, ob Reibereien in der Bundespartei um Rente, um Lifestyle-Teilzeit oder das Thema Zahnersatz den Wahlkampf in BaWü erschwert hätten.

Jens Spahn holte weit aus, sprach von einem ganz starken Wahlkampf, erfolgreichen Veranstaltungen und einem großartigen Parteitag kürzlich in Stuttgart. Im Bundestag habe man das Heizungsgesetz abgeschafft, das Bürgergeld ebenso: „Wir haben alles gegeben“. 

Und genau in dem Moment dachte ich, wenn mir in einem Bewerbergespräch mein Gegenüber so antworten würde, würde ich ihn augenblicklich von der Liste streichen.

„Herr Mustermann, Sie sind bei den Firmen Müller und Meier noch innerhalb der Probezeit ausgeschieden. Wie kam es dazu?“

„Ich bin in den Firmen Schneider, Schmidt und Schulze der beste Verkäufer gewesen. Ich bin ein Siegertyp und ganz sicherlich der beste Kandidat von allen.“

Ja, und tschüss.

Von unseren Bewerbern erwarten wir klare Antworten auf konkrete Fragen. Maßstäbe, die für manche Politiker anscheinend nicht gelten. Sondern die sich lieber in Phrasen und Sprechblasen flüchten. Und sich dann wundern, dass sie an Glaubwürdigkeit verlieren. 

Jens Spahn hätte alle Möglichkeiten gehabt. Er hätte z. B. sagen können, dass seine Partei den Gegenwind in Kauf nimmt, weil die Themen zwar schwierig, aber für unser Land existenziell seien. Oder dass die richtigen Themen unglücklich formuliert worden seien. Oder man über den Einwand der Moderatorin nachdenken müsse. 

Aber er entschied sich für die Teflon-Taktik, kritische Nachfragen locker abglitschen zu lassen. Auf die Frage also gar nicht erst einzugehen, sie schlicht zu überhören. Und stattdessen reichlich Schönfärberei zu betreiben. Ich antworte auf Fragen, die so niemand gestellt hat. 

Ich lese kaum noch Politiker-Interviews, weil ich die Antworten alle vorher kenne. Und freue mich lieber auf die Interviews mit meinen Bewerbern, die meine Fragen aufnehmen und sie ernsthaft, ehrlich und manchmal auch mit einem Augenzwinkern beantworten.