Ob das bei uns möglich wäre? Das fragte ich mich, als ich heute auf die Meldung der norwegischen Zeitung „Dagens Næringsliv““ stieß, dass die Zentralbank des Landes die Bewerberliste für den Chefsessel des staatlichen Pensionsfonds veröffentlicht habe. Die komplette Bewerberliste!
Der Pensionsfond ist ein Gigant, er ist momentan über 1,6 Billionen Euro wert. Der Vertrag des gegenwärtigen Chefs von „Norges Bank Investment Management“ läuft aus. Nicolai Tangen, so sein Name, möchte gerne weitere fünf Jahre an der Spitze stehen, er bewirbt sich erneut. Doch 80 andere Männer bewerben sich ebenfalls. Und eine Frau.
Wer das alles ist, ist nun also veröffentlicht worden. U. a. ein Ex-Politiker, der Greenpeace-Chef, einige Investmentbanker, ein Postbote und mehrere Industrielle, diverse Einzelhandelsverkäufer und sogar ein Komiker stehen auf der Liste. Für „Dagens Næringsliv“ steht fest, dass kein Bewerber an den gegenwärtigen CEO heranreicht.
Was würde geschehen, wenn bei uns z. B. BMW oder Siemens, ProSiebenSat1 oder die Deutsche Bank öffentlich bekannt geben würden, wer alles sich auf den vakanten Posten des Vorstandsvorsitzenden beworben hat? Wie die obige Liste aus Norwegen beweist, muss man nicht jede Bewerbung ernst nehmen. Aber es sind doch einige Namen dabei, die eine gute Position besitzen und mit ihrem Signal, dass sie sich einen Wechsel vorstellen können, bei ihrem Arbeitgeber nicht unbedingt auf Begeisterung stoßen. Und in der Öffentlichkeit wird die Person auch kräftig durchgekaut werden. Zumindest wenn sie etwas bekannter ist.
Mehr oder weniger Transparenz wird ja auch bei uns regelmäßig diskutiert. Weniger: Kein Bild mehr in Bewerbungsunterlagen, um die Optik nicht vorentscheiden zu lassen. Mehr: Die Gehälter sind für alle Mitarbeiter einsehbar.
Ich bin da sehr traditionell. Ich finde ein Foto in den Unterlagen gut. Was nützt es, den ganzen Aufwand für ein Gespräch zu betreiben, wenn zehn Sekunden nach dessen Beginn feststeht, dass es zu keiner Einstellung kommen wird. Ob berechtigt oder unberechtigt. Und auch die Gehälter sollten vertraulich bleiben. Ich will nicht wissen, was mein Büronachbar verdient und umgekehrt soll das auch gelten. Ich erwarte von meinem Vorgesetzten ganz einfach, dass er da für eine gewisse Gerechtigkeit sorgt.
Und meine Einstellung gilt gleichermaßen für die Veröffentlichung einer Bewerberliste. Nein, dass ich mich bei einer anderen Firma beworben habe, geht die Öffentlichkeit nichts an. Ich bin froh über die Diskretion, die Personalverantwortliche und Berater wahren. Sie ist für mich Grundvoraussetzung für transparente und vertrauensvolle Bewerbungsprozesse.