Facebook hat einen Chefredakteur. Das jedenfalls meinen 20 % der 12.000 Befragten in den skandinavischen Ländern. Ja, wirklich, die sind sich sicher, dass in der Facebook-Zentrale ein Mensch sitzt, der entscheidet, was veröffentlicht wird und was nicht. Bemerkenswerte 25 % der 25- bis 34-Jährigen glauben an diesen Chefredakteur, bei den über 65-Jährigen sind es nur 13 %.
Nun gelten die skandinavischen Länder als digitale Vorreiter. Dass wir hier noch Postkästen und Faxgeräte nutzen, sorgt dort für Gelächter. Umso erschreckender ist somit das Ergebnis der vom Nordischen Ministerrat bestellten Studie. Da mag man gar nicht daran denken, wie entsprechende Zahlen bei uns aussehen.
Die Ursache für diesen Glauben an den Filter Chefredakteur sehen Fachleute in der Gleichsetzung von Insta & Co mit klassischen Medien wie Tagesschau und heute-Journal, FAZ und Süddeutsche. Dort sitzen Chefredakteure, die mit ihrem Team Themen nach Wichtigkeit und Wahrheit filtern. Und die an juristische Vorgaben gebunden sind.
Facebook und andere sind aber keine Medien, sondern Plattformen. Ein gewaltiger Unterschied. Denn die Plattformbetreiber lehnen jegliche inhaltliche Verantwortung ab. Die haben sie an die Nutzer weitergereicht. Alles kann von allen veröffentlicht werden, auf juristische Eingriffe wird meist nur zögerlich reagiert.
Diesen Unterschied zu betonen und damit auch zu klären, wem man vertrauen kann und wem weniger, ist existenziell. Gerade in einer Zeit, in der Deepfakes und anderes das Erkennen von Wahrheit und Lüge noch schwerer machen.
Dazu passt eine Studie eines Teams von Forschern der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Kopenhagen. Wenn Kinder sich selbst verletzten, lautete die Begründung früher z. B. „Mobbing“ oder „Scheidung der Eltern“. Heute heißt sie „Das habe ich auf TikTok gesehen.“ Denn nur ein Klick auf eines dieser Videos kann bedeuten, dass der Algorithmus weitere liefert.
Kein Wunder, dass die Diskussion über eine Altersbeschränkung für den Zugang zu diesen Plattformen auch bei uns Fahrt aufnimmt. Ab 14 Jahren? Ab 16 Jahren? Und gekoppelt mit einem Schulfach „Medienkompetenz“?
Von mir aus gerne. Nur wenn ich sehe, dass schon Kleinstkinder ein Handy in die Hand gedrückt bekommen, damit sie ruhig sind, dann bezweifle ich den Willen vieler Eltern dazu.
Übrigens, wäre ich hier im frostgebeutelten Nordosten Chefredakteur eines Radiosenders, würde ich derzeit 24/7 nur einen Titel spielen lassen: „Nächte über´s Eis“ von Felix de Luxe.
