Stellen Sie sich vor, eine Kandidatin sitzt Ihnen im Bewerbungsgespräch gegenüber. Sie sehen Sie aber nicht. Denn zwischen Ihnen steht eine Spanische Wand. Sie müssen sich also während der Unterhaltung keine Gedanken machen, ob Sie das eventuelle Nasenpiercing mögen, die Frisur oder die Jacke.

Vor Ihnen liegt ein Lebenslauf von Frau Meier. Der Name stimmt natürlich nicht. 

Den CV haben sie gerade erst erhalten. In ihm ist kein Geburtsdatum angegeben, kein Familienstand. Die beruflichen Stationen sind nur knapp dargestellt. 

Sie müssen fragen, viel fragen, denn Sie wissen nur wenig. Und werden nicht abgelenkt. Erst allmählich entsteht ein Bild von Frau Meier. Die hingegen sieht Sie die ganze Zeit, denn in die Wand ist auf ihrer Seite ein Bildschirm eingelassen. Sie bekommt alle Ihre Gesten und Ihre Mimik mit.

Nach einer Stunde ist das Gespräch fast beendet. Sie beide treten neben die Wand und sehen sich das erste Mal beide in die Augen. Ein kurzer Austausch und dann verabschieden Sie sich voneinander. Nun die große Frage: Haben Sie ein besseres, informativeres, tieferes Gespräch geführt, da Sie keine Optik ablenkte?

Wie ich auf dieses Gedankenspiel komme? Ich hörte zufällig von dem Podcast „Unentdeckt“. Host ist die Journalistin Sissy Hertneck. Sie interviewt Prominente, sieht diese aber nicht. Damit nicht genug, denn es wird auch noch die Stimme des Prominenten mittels KI verfremdet. Das macht in diesem Fall natürlich absolut Sinn.

So ein Interview verläuft ganz anders, weil Sissy Hertneck frei von jeglichem Vorwissen über den Interviewpartner ist. Sie muss deshalb ganz anders fragen. Kommt dabei auf Themen, die sie vermutlich nicht ansprechen würde, wenn sie ein Vorwissen besäße. Und entlockt somit dem unsichtbaren Gegenüber Geschichten und Stellungnahmen, auf die dieser kaum vorbereitet ist. Weil ein vorbereiteter Journalist solche Themen „normalerweise“ nicht anspricht. 

Ich finde das hochinteressant. Denn natürlich beeinflusst die Optik. Und wenn ein Kandidat den Raum betritt, dessen Bekleidung mir z. B. so überhaupt nicht oder ganz besonders gefällt, dann lenkt mich das bereits vor Gesprächsbeginn in eine Richtung. 

Es gibt ja immer wieder Diskussionen, ob ein Bild zu einer Bewerbung gehört, in manchen Ländern ist das bekanntlich verboten. Aber natürlich entscheidet Optik auch immer mit. Doch mit der oben geschilderten Variante würde man sich immerhin zunächst ein gründliches Bild von einem Kandidaten machen, bevor das Aussehen und Auftreten eine Rolle spielen. 

Muss das Bewerbungsgespräch neu gedacht werden?