Nur die Stimme zählt. Nein, natürlich nicht ganz. Aber sie entscheidet beim Hörbuch oft, ob jemand weiterhört oder abbricht. Da mögen der Autor oder die Story noch so gut sein.
Zuweilen lesen Autoren ihre Werke selbst, oft tun es bekannte Schauspieler, es gibt aber auch Sprecher, die auf diesem Weg selbst zur Marke geworden sind. Allesamt befürchten sie nun, dass KI-generierte Stimmen an ihre Stelle treten. Was ein Verlust von Honoraren und Qualität bedeuten würde.
Der schwedische Streaminganbieter Storytel hat für sein Heimatland und Dänemark nun ein neues Modell entworfen. Weiterhin gibt es die Lesung des Autors oder professionellen Sprechers. Aber der Hörer kann alternativ unter fünf anderen Stimmen wählen, wenn ihm die originale nicht gefällt. Davon sind in DK vier KI-generiert, so Sara, „eine junge und energische Frauenstimme“, und Peter, „eine ruhige und verführerische Männerstimme“. Die fünfte Stimme ist die KI-Version einer bekannten Schauspielerin.
Womit wir bei dem zweiten Teil des Angebots sind. Der dänische Schauspielerverband hat mit Storytel vereinbart, dass es neben dem Original grundsätzlich eine KI-Variante (mit Sara, Peter etc.) gibt. Die Profis erhalten für ihre originales Einlesen als Absicherung auf jeden Fall ein Mindesthonorar. Sie können darüber hinaus ihre Stimme für die KI-Nutzung lizensieren, aber nur für maximal 25 Hörbücher gleichzeitig.
Storytel räumt ein, dass eine KI-Stimme nicht überall funktioniert. Für Gedichte zum Beispiel gar nicht, für Sachbücher sehr gut. Bei der Belletristik fehlt natürlich das emotionale Moment, das eine Lesung so besonders macht, das Laute und das Leise, das Langsame und das Schnelle, die hörbare Freude und die spürbare Trauer. Aber immerhin 10-15% der schwedischen Konsumenten entscheiden sich für die KI-Stimme.
Da ist man aber beim Anbieter ganz sicher, dass auch das Emotionale mit der Zeit möglich sein wird. Und weist noch auf einen anderen wichtigen Aspekt hin: Viele Sprecher sind selbst zur Marke geworden und oft würden Bücher nicht wegen des Autors oder des Plots ausgewählt, sondern wegen der Sprecherin oder des Sprechers. Mit der KI-Lizensierung ihrer Stimme sei es möglich, Bücher von noch unbekannten Autoren von diesen Sprecher-Promis einlesen und so möglicherweise zum Erfolg werden zu lassen.
Manch skeptischer Autor hofft zumindest, dass Hörer, die mit der originalen Stimme unzufrieden sind und vermutlich abbrechen würden, doch beim Hörbuch bleiben, weil ihnen eine der alternativen Stimmen zusagt.
Damit kann sich der Schriftsteller Christian Mørck überhaupt nicht anfreunden. Der Hörer solle das Hörbuch so akzeptieren, wie es der Autor gedacht hat, sagte er gegenüber der Tageszeitung „Politiken“. Den Wechsel zwischen den Stimmen vergleicht er damit, dass man in eine Oper geht und nach 20 Minuten eine Komödie fordert.