Letzte Woche las ich, dass der NDR bei der Auswahl von Führungskräften stärker auf das Kommunikationsverhalten und wertschätzende Zusammenarbeit achten wolle. Wie schön. Ich schaute nach dem Datum dieser epd-Meldung. Sie war tatsächlich von letzter Woche. Gut, dass ich saß.

Das sind Kriterien, nach denen Unternehmen bereits seit Jahrzehnten vorgehen. Nicht alle und nicht konstant, gewiss. Aber was hier nach neuestem Stand der Erkenntnis klingt, ist in der freien Wirtschaft längst eine Selbstverständlichkeit.

Früher sei es häufig so gewesen, „dass die besten Journalistinnen und Journalisten Führungskräfte wurden, das heißt aber nicht automatisch, dass sie auch eine gute Führungskraft sind“. So NDR-Intendant Hendrik Lünenborg gegenüber dem epd.

Welch sensationelle Erkenntnis. Ja, auch der beste Verkäufer eines Maschinenbauers muss keine fähige Führungskraft sein, ebenso die Top-Laborantin einer Chemiefirma nicht. Alles längst vorhandenes Allgemeinwissen.

In vielen Firmen achten die Fachvorgesetzten von allein darauf, ob jemand auch von den weichen Kriterien her passt, in anderen besitzt die Personalabteilung ein Vetorecht. Und egal, ob die Entscheider im Aufsichts- oder Verwaltungsrat sitzen, in der Geschäftsführung oder auf der Ebene der Abteilungs- oder der Bereichsleiter: Es gilt die Frage zu beantworten, ob jemand nicht nur die fachlichen, sondern auch die persönlichen Kompetenzen besitzt, um die ausgeschriebene Aufgabe mit Erfolg ausfüllen zu können.

Aber beim NDR scheint es vermutlich darum nicht gegangen zu sein. Sondern um Verdienste. Da fragt man sich, was die Personalabteilung die ganze Zeit gemacht hat. Weshalb hat niemand die Entscheidungsträger des Senders einmal auf die zu kurz greifenden Auswahlkriterien hingewiesen? Aber auch: Liest niemand der Entscheidungsträger Wirtschaftsbücher oder -zeitungen, in denen über die mittlerweile komplexeren Anforderungen an Führungskräfte geschrieben wird?

Dass ein so großes und bedeutendes Medienunternehmen mit ca. 3000 Mitarbeitern bei der Auswahl von Führungskräften methodisch noch so im vorigen Jahrtausend steckt, macht einen fassungslos.

Beinahe hätte ich es vergessen zu erwähnen: Auch die Eignungsdiagnostik soll jetzt beim Sender Einzug halten. Hoffentlich ist das nicht zu viel Modernität auf einmal.