Ein Bekannter erzählte mir einmal vor vielen Jahren, dass er mit einem Kollegen zum Herausgeber einer großen Zeitschrift ging, bei der er damals arbeitete. Sie beklagten den großen Zeit- und Arbeitsdruck und dass sie für das wöchentliche Erscheinen mit so vielen Seiten zu wenig Journalisten seien. Der Vorgesetzte lehnte sich ganz entspannt zurück und sprach: „Was wollen sie denn? Wir erscheinen doch jeden Montag!“
Diese Geschichte fiel mir kürzlich wieder ein, als ich einen Beitrag von Steffen Meier auf LinkedIn las. Dort berichtete der dpr-Herausgeber, dass in englischen Tageszeitungen von 250 Artikeln mit Experten-Zitaten 28 Experten als nicht existent oder online nicht auffindbar entlarvt wurden. Die Beiträge der angeblichen Experten wurden mittels KI verfasst, ihre Porträts mit ihr gestaltet.
Andere Artikel zitierten fragwürdige Quellen, so etwa einen Darmgesundheitsexperten ohne medizinische Qualifikation. Gemein ist all diesen Fällen, dass die Artikel von PR-Agenturen erstellt und verschickt wurden, die Markennennungen und SEO-Links für ihre Kunden generieren wollten.
Der gemeinsame Nenner für diese Vorgänge lautet „Zeitdruck“. Weil in den Zeitungen zu wenige Leute arbeiteten, sind diese dankbar für jede Quelle, die ihnen Zeitersparnis bringt. Um so besser, wenn sie noch schlau und kompetent klingt. Eine gefährliche Entwicklung.
Das erinnert dann auch an den aktuellen Arbeitsmarkt. „Wir müssen alle Arbeit und alle Mehr-Arbeit erledigen, dürfen aber kein zusätzliches Personal einstellen“, brachte kürzlich mir gegenüber ein GF seine Situation auf den Punkt. Er ist nicht allein.
Auch wenn man mit anderen Inhabern und Geschäftsführern spricht, dann wissen die auf der einen Seite, dass sie mehr Personal brauchen. Aber sie misstrauen der Konjunktur so sehr, dass sie zusätzliches Personal scheuen. Womit der Druck auf die Beschäftigten wächst. Und so wird schnell Vieles „husch-husch“ erledigt anstatt gründlich.
Wenn dann ein Retter angeboten wird wie die Fake-Experten, dann greift man gerne zu. Ich kann das gut verstehen.
Die letzten Tage war zu lesen, dass der Otto-Konzern seine Belegschaft um 20 % reduziert. DB Cargo will seine Mitarbeiterzahl bis 2030 fast halbieren. Und bei VW steht wohl ein extrem hartes Rettungsprogramm auf der Tagesordnung. Das ist nachvollziehbar, wenn man sich von bestimmten Sortimenten oder Bereichen trennt oder Arbeitsschritte der KI anvertraut. Oder die Kunden weniger geworden sind. Sofern sich inhaltlich aber nichts ändert, bedeutet das nur Mehrarbeit für die Verbliebenen.
Wenn der CDU-Wirtschaftsrat fordert, dass wir die Zahnarztbesuche zukünftig selbst bezahlen sollen und so in Kauf nimmt, dass die halbe Republik mit Löchern in den Zähnen und wackelnden Gebissen durch die Straßen läuft, dann frage ich mich, warum die Lösung für alle Probleme immer die Überschrift „Weniger“ trägt. Wo bleibt der Weg nach vorne, das Ärmelaufkrempeln, die Strategie für „Mehr“?
Heinz-Rudolf Kunze sang des einst: „Mein Lebensmittel ist der schwere Mut.“ Genau der fehlt gerade.
