„Sprachkenntnisse: Deutsch B1“ Zack, da war die Information, die meine Hoffnung zerplatzen ließ. Mein Kunde hatte Deutschkenntnisse von C1 gewünscht, ja, B2 ginge zur Not auch. Der zufällig auf meinem Tisch gelandete Initiativbewerber übersprang diese Hürde leider nicht.
Nun ging es hier um eine durchaus anspruchsvolle Aufgabe im Ingenieursbereich, die auch viel Kommunikation mit Dritten erforderte. Deshalb war die Vorgabe meines Kunden absolut berechtigt.
Mein Eindruck ist allerdings, dass die Anforderungen an die Deutschkenntnisse der Bewerber schärfer geworden sind. Der neue Mitarbeiter aus Albanien oder Tunesien soll gleich funktionieren. Ich bin dabei so manches Mal Erwartungen begegnet, deren Anspruch mich verwundert hat. Oder die ein Kandidat hätte erfüllen können, wenn man ihm nur etwas mehr Zeit gewähren würde. Unzureichende Englischkenntnisse lassen sich durch Kurse verbessern. Stockendes Deutsch wird durch die tagtägliche Nutzung und ergänzenden Unterricht schnell besser. Das ist allemal zielführender als zu absolute und überhöhte Forderungen.
Ich freue mich immer wieder über Kandidatinnen und Kandidaten aus z. B. Jordanien oder Syrien, die ein tolles Deutsch sprechen, aber erst vor vielleicht drei Jahren mit dem Erlernen begonnen haben. Deren Ehrgeiz bewundere ich. Und Unternehmen tun gut daran, diesen Lernwillen zu nutzen.
Kompromissbereiter zu sein, wird in Zukunft noch wichtiger werden, wenn die Konjunktur doch endlich anzieht und Fachkräfte wieder gesuchter sind. Gerade jenseits der Metropolen, in der Provinz, in die viele Deutsche nicht ziehen wollen, werden Unternehmen ausländische Arbeitskräfte engagieren müssen, um Aufträge erfüllen zu können. Klingt abwegig?
Ich las kürzlich, dass es in Dänemark erste Regionen gibt, in denen die Zahl der Arbeitnehmer aus nicht-westlichen Ländern höher ist als die der dänischen. Weil letztere in bestimmte Ecken nicht ziehen wollen. Ob das bei uns auch passiert?
Wenn nicht in Regionen, dann ist das zumindest in Branchen wie Gastronomie und Hotellerie, in Logistik, Produktion und Handwerk keine Utopie. Und wer in den letzten Jahren im Krankenhaus war, der hat auch den hohen Ausländeranteil bei Ärzten und Pflegern registriert. All diese Fachkräfte brauchen wir und deshalb sollten wir die Barrieren zunächst so niedrig wie vertretbar setzen. Und die neu gewonnenen Mitarbeiter dafür in der Folgezeit so intensiv wie möglich weiterbilden.
Manchmal muss man halt Wege gehen, die man vor einiger Zeit noch für undenkbar hielt. Oder hätten Sie geglaubt, dass Sie eines Tages Ihren Kaviar bei Netto kaufen können (ja, der Text unter 1. ist falsch)?
